Singuläre Phänomene und Skalierung in mathematischen Modellen [SFB 611]SprecherProf. Dr. Michael Griebel E-Mail: griebel@ins.uni-bonn.de
SFB 611Singuläre Phänomene und Skalierung in mathematischen Modellen
Forschungsprogramm
ASYMPTOTISCHES SKALIERUNGSVERHALTEN UND SELBSTÄHNLICHKEITKomplexe
Modelle aus den Naturwissenschaften zeigen in charakteristischen Größen
ein unterschiedliches Skalierungsverhalten auf unterschiedlichen
Zeitskalen. Z.B. die Polymerdynamik weist aufgrund des Spektrums von
Relaxionszeiten unterschiedliches Skalierungsverhalten in
unterschiedlichen Zeitregimen auf. Auch das Korn- und Inselwachstum bei
Metalllegierungen zeigt ein charakteristisches Skalierungsverhalten.
Die Übergänge im Skalierungsverhalten sind eine Konsequenz der
wechselnden nichtliniearen Interaktion der modellierten Mechanismen.
Interagierende Teilchensysteme weisen nahe der kritischen Temperatur
(einer Singularität im Phasendiagramm) ein weitgehend universelles
Skalierungsverhalten auf. Wenn man die Fluktuationen im Skalenlimes
renormalisiert, erhält man eine stochastische partielle
Differentialgleichung mit charakteristischer Nichtlinearität, die
aufgrund ihrer singulären Natur geeignet interpretiert werden muss.
Stochastische
Prozesse in inhomogenen, fraktalen oder zufälligen Medien zeigen häufig
ein anomales Skalierungsverhalten, dessen rigorose Behandlung sich den
existierenden Methoden z.T. noch entzieht. Wir wollen auch untersuchen,
wie sich im asymptotischen Skalierungsverhalten von
Drift-Diffusionsprozessen oder geodätischen Flüssen die Statistik des
Geschwindigkeitsfeldes bzw. die Geometrie des Grundraumes samt seiner
Singularitäten ausdrückt.
Die
Untersuchung von asymptotischem Skalierungsverhalten und den dadurch
definierten charakteristischen Exponenten ist ein natürlicher
Einstiegspunkt für eine mathematische Bahandlung. Zudem sind es häufig
gerade diese Exponenten, die das Experiment zuverlässig liefert. Hinter
dem asymptotischen Skalierungsverhalten steht stets eine approximative,
häufig nur statistische Selbstähnlichkeit, die mathematisch durch
Renomierung oder Homogenisierung erfasst werden kann.
MEHRSKALIGKEIT UND MODELLHIERARCHIENDie
Mehrskaligkeit der Modelle aus den naturwissenschaftlichen Anwendungen
ist eine der großen Herausforderungen an Analysis und Numerik. Manche
dieser Skalen sind durch Dimensionsargumente offensichtlich, andere
sind versteckt und nur einer subtileren Analysis zugänglich. In der
Regel sind die charakteristischen Skalen klar separiert, was ein
Arbeiten mit Modellhierarchien nahelegt.
Besonders
spannend sind Modellhierarchien, in denen die Modelle auf den einzelnen
Stufen von verschiedenem mathematischem Typ sind:
diskret-kontinuierlich, stochastisch-deterministisch,
diskret-kinetisch-hydrodynamisch. Gerade die Ankopplung von
Molekulardynamik an die Kontinuumsmechanik und makroskopische
Thermodynamik ist von zunehmender Bedeutung in den Anwendungen. Es geht
darum, die Kopplungen dieser Stufen mittels formaler Asymptotik,
rigoroser Analysis und numerischer Simulation zu verstehen und zur
Abteilung der Modellvorhersagen oder der Entwicklung effizienter
numerischer Verfahren zu nutzen. Auch hier sind die
Renormalisierungsstrategien der statistischen Mechanik wichtig. Von
besonderem Interesse ist das räumliche Nebeneinander unterschidlicher
Modellstufen.
Eine wichtige Variante
der Herleitung von Modellhierarchien ist die Dimensionsreduktion, wie
sie sich gerade in den modernen Materialwissenschaften (dünnen
Schichten) oder der Biologie (Membrane) anbietet. In der Regel sind die
niederdimensionalen Objekte noch an volldimensionale Feldgleichungen
(z.B. Maxwellgleichungen bzw. Navier-Stokes) gekoppelt. Diese Kopplung
wird durch Dimensionsreduktion singulär; die numerische Behandlung der
Kopplung ist diffizil.
Auch der Aspekt
der Dimensionsreduktion wird parallel innermathematisch z.B. durch die
Untersuchung von Differentialoperatoren auf kollabierenden
Mannigfaltigkeiten (volldimensionale Mannigfaltigkeiten zu
Quantengraphen) beleuchtet. Hierbei sollen auch unterschiedliche
Dimensions- und Krümmungseffekte auf verschiedenen Zeit- und
Längenskalen analysiert werden, etwa bei Triangulierungen oder Graphen.
SINGULARITÄTEN UND ENTARTUNGVom
innermathematischen Standpunkt ist das Konzept der Skalierungsinvarianz
eng verwandt mit dem der Singularität: Singularitäten sind durch
Skalierungsinvarianzen charakterisiert, skalierungsinvariante
Modellklassen enthalten singuläre (Limes-) Objekte. Z.B. die
Nicht-Eindeutigkeit des Gibbsmaßes und die einen Phasenübergang
charakterisierende Singularität tritt erst im Limes unendlich vieler
Teilchen auf.
In der Numerischen
Analysis bedeuten Singularitäten in den Daten (z.B. in Koeffizienten
oder Gebietsgeometrie) gerade ein Abweichen von der
Skalierungsinvarianz im Rn und erfordern ein
geeignetes Zoom-In. Bei der numerischen Behandlung von partiellen
Differentialgleichungen mit degenerierten Koeffizienten sind Wavelets
und Mehrgitterverfahren aufgrund ihrer hierarchischen Struktur
besonders geeignet, die auftretenden Singularitäten adaptiv aufzulösen.
Die in der numerischen Behandlung auftretenden Techniken reichen von
Nichtlinearer Approximationstheorie bis zur Lastbalancierung bei
Parallelisierung.
Degenerierte
Koeffizienten eines linearen elliptischen Differentialoperators können
auch als Singularitäten in der Geometrie des Grundraumes gelesen
werden. Ebenso führt die Approximation von Mannigfaltigkeiten durch
Polyeder zu Konzentrationen von singulärer Krümmung auf
niedrig-dimensionalen Mannigfaltigkeiten. Die Auswirkungen dieser
geometrischen Singularitäten auf die Brown'sche Bewegung, auf
Spektraleigenschaften von kanonischen Differentialoperatoren sowie auf
den geodätischen Fluss als dynamisches System soll untersucht werden.
Dabei setzen wir auf eine Kombination von stochastischen, geometrischen
und analytischen Sichtweisen.
Es geht
auch darum, "glatte" Begriffe und Methoden so weiterzuentwickeln, dass
sie auf natürliche Klassen von Räumen, die Singularitäten zulassen,
anwendbar sind, beispielsweise auf metrische Räume mit oberen oder
unteren Krümmungsschranken. Hiervon werden neue Erkenntnisse auch für
den nicht-singulären Fall erwartet. Beispiele für den Erfolg dieses
Anstatzes sind die auf Gromov zurückgehende Theorie hyperbolischer
Gruppen sowie die von Jost, Korevaar und Schoen initiierte Theorie
verallgemeinerter harmonischer Abbildungen zwischen metrischen Räumen.
Geometische Konzepte werden auch zur Analysis auf dem Raum der
Wahrscheinlichkeitsmaße eingesetzt (Dirichletformen,
Gradientenflussstruktur, Wassersteinmetrik).
Ein
anderer, nichtlinearer Typ einer geometrischen Singularität tritt bei
Modellen zur viskosen Mehrphasenströmung auf. In diesen
Evolutionsproblemen beobachtet man eine Tendenz zur Ausbildung von
Singularitäten in der idealisiert scharfen Grenzschicht. Hier lauten
die Fragen: Treten solche Singularitäten in endlicher Zeit auf, können
sie klassifiziert werden, wie können sie numerisch behandelt werden?
Insbesondere in der Biologie treten "aktive" Grenzschichten auf,
entlang deren Oberflächensubstanzen diffundieren. Die Konzentration der
Oberflächensubstanzen kann lokal so absinken, dass sie als diskrete
Molekülverteilung modelliert werden muss. Über die Kopplung mit der
Flüssigkeitströmung entstehen neue Typen von Instabilitäten und
Singularitäten.
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2008-10-15 12:05
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